Wie Achtsamkeit dein Leben bereichert

Weisheitsgeschichte

Ein Hund hatte vom Tempel der Tausend Spiegel gehört und machte sich auf die Suche nach diesem Ort. Nach langer Wanderschaft kam er schließlich ans Ziel. Er war müde und erschöpft und nun musste er auch noch die steile Treppe hinaufsteigen. Er betrat missmutig den Tempel und da blickten ihn aus tausend Spiegeln tausend missmutige Hunde an. Er knurrte und fletschte die Zähne und so knurrten auch tausend andere Hunde ihn an und fletschten die Zähne. Der Hund verlies den Tempel der Tausend Spiegel in dem Gefühl, dass die Welt voller missmutiger Hunde sei.

Am nächsten Tag kam ein anderer Hund zum Tempel der Tausend Spiegel. Der Hund stieg die steilen Treppen zum Tempel hinauf und durchschritt, froh und glücklich endlich angekommen zu sein, den Tempeleingang. Da blickten ihn aus tausend Spiegeln tausend freundliche, glückliche Hunde an und alle wedelten fröhlich mit dem Schwanz. Der Hund war zufrieden und freute sich und verließ den Tempel mit dem Gefühl, dass die Welt voller freundlicher Hunde sei.

„Als Yogalehrerin bist du doch immer gechillt und total in deiner Mitte“… das habe ich schon öfter gehört. Nope – leider nicht, ich führe außerhalb meines Daseins als Yogalehrerin ein ganz normales Leben mit allen Herausforderungen, die dieses so mit sich bringt, wenn man ein kleines Unternehmen führt und gleichzeitig Kinder und Familie unter einen Hut bringen möchte. Ja, da kann man schon mal aus seiner Mitte fallen und dann fühle auch ich mich wie der knurrende, Zähne fletschende Hund in der Geschichte. Zum Glück habe ich aber Anker, die mich wieder zurück holen zum Wesentlichen (früher oder später).

Ich habe eine Yogalehrerausbildung gemacht, in der die spirituelle Seite des Yoga auch eine große Rolle gespielt hat. Für mich persönlich ist das eine große Bereicherung und Leitfaden für meinen manchmal recht hektischen Alltag. In der Philosophie des Yoga gibt es nämlich auch so etwas wie die „Zehn Gebote“. Diese Sutras (Sanskrit für „Leitfaden“) geben mir in meinem Leben und in meinen Yogastunden Halt und Inspiration. Diese Empfehlungen, die einem Weisen namens Patanjali zugesprochen werden, sind schon etwa 2400 Jahre alt und daher ist es wohl angemessen, diese in die moderne Welt zu übersetzen und zu schauen, wie und in welchem Umfang man sie in der heutigen Zeit angemessen umsetzen kann.

Das erste „Gebot“ Ahimsha:

Die Philosophie der Gewaltlosigkeit und der Sanftmütigkeit (Ahimsha = Sanskrit für "Abwesenheit von Gewalt")

In diesem Gebot geht es darum, bewusst, achtsam, rücksichtsvoll, gewaltlos und sanftmütig mit sich selbst und anderen Lebewesen umzugehen.

Jetzt denkst du vielleicht, gewaltlos zu leben, ist für dich doch kein Problem. Du bist jetzt nicht so der Schlägertyp. Ja klar - aber wo beginnt Gewalt? 

Wir können bereits mit Worten verletzen, sogar mit Gesten, möglicherweise schon mit Gedanken, die ihren Ausdruck in unseren Handlungen finden. Gewalt ist nicht immer gleich körperliche Gewalt und hat viele Facetten. 

Um dieser subtilen Form von Gewalt etwas entgegen zu setzen, haben wir die Mittel der Achtsamkeit und der Bewusstheit. Achtsamkeit kann Schaden vermeiden bevor er entsteht. Bevor wir z. B. schimpfen oder lästern, versetzen wir uns erst einmal in die Lage der „nervigen“ Person und so kann vielleicht Verständnis und Sanftmut entstehen und schon unsere Gedanken in eine andere Richtung lenken. Es geht also bei Gewaltlosigkeit und Sanftmut nicht nur um Taten, sondern auch schon um den Gedanken.

Das klingt jetzt schon gar nicht mehr so einfach oder? Und dabei bezieht sich dieses Gebot ja nicht nur auf andere Lebewesen (Menschen, Tiere, Pflanzen usw.), sondern natürlich auch auf dich selbst!

Nehmen wir einmal eine Yogastunde als Beispiel: Zwei Yogaschülerinnen kommen zur Yogaklasse – eine Schülerin mit der Absicht Achtsam zu üben, die andere mit der Absicht, es möglich „richtig“ zu machen, ein sportliches Workout durchzuführen und anschließend etwas in Savasana zu entspannen. Beide werden ein vollkommen unterschiedliches Yogaerlebnis haben.

Die Yogaschülerin, die sich durch die Brille von Ahimsha betrachtet, nimmt ihren Körper achtsam wahr und akeptiert es, wenn sie in der Vorbeuge nicht mit durchgestreckten Beinen mit den Händen den Boden berührt. Sie wird beachten und spüren, dass ihr Fasziengewebe vielleicht noch sehr fest ist. Dass sie sich vielleicht erst noch ein wenig erwärmen muss oder dass ihr Körper einfach noch ein paar Wochen oder Monate Zeit braucht um diese Haltung „wie aus dem Lehrbuch“ einzunehmen. So beugt sie die Knie vielleicht ein wenig. Sie spürt aber, dass ihre Körperrückseite auch so bereits relativ stark gedehnt wird und vielleicht sogar, dass sie schon ein paar Zentimeter weiter kommt, als am Anfang ihrer Yogapraxis. Darüber wird sie sich wahrscheinlich freuen.

Vielleicht nimmt diese Schülerin achtsam wahr, dass der Atem im Yoga eine wichtige Rolle spielt und dass sie sich in die Haltung hineinatmen kann. Ihr Fokus liegt nicht darauf, mit den Händen den Boden zu berühren. Sie weiß, dass die Vorbeuge aus der Hüfte geschieht und wird  daher eher den Bauch zu den Oberschenkeln bewegen als die Brustwirbelsäule zum Boden.

So erlebt die achtsame Person all die schönen Wirkungen der Asana: Die Sehnen der Beine werden gedehnt, die Bauchorgane massiert, die Elastizität der Wirbelsäule wird gesteigert, die ganze Körperrückseite, die rückwärtige fasziale Verkettung, gedehnt. Sie fühlt sich belebt und energetisiert. Darüber hinaus hilft die Haltung ihr, Demut und Hingabe zu entwickeln und die Konzentration zu steigern. 


Die andere Schülerin wird ohne diese Achtsamkeit und Bewusstheit vielleicht versuchen, irgendwie die Hände an den Boden zu bekommen, sie krümmt sich stark in der Brustwirbelsäule und spürt starken Zug in den Armen und Schultern bzw. Schultergürtel. Sie verkrampft und der Atem blockiert. Damit erreicht sie nichts von dem, was sie mit Padahastasana, der ganzen Vorwärtsbeuge, alles genießen und erreichen könnte und verhindert sogar, dass sie sich weiter entwickelt. 

Übt man unachtsam Yoga, fühlt man sich schlimmstenfalls noch gestresst, ist ungnädig mit sich selbst, fühlt nicht „gut genug“. Aber all das passiert jeden Tag. Als Yogalehrerin können wir immer wieder auf die Feinheiten hinweisen, auf die innere Haltung der Yogateilnehmer haben wir nur begrenzt Einfluss.

Aber selbst wenn wir uns mal in der Yogapraxis weniger sanftmütig begegnen, ist es nie zu spät für Achtsamkeit! Wir können so auch häufig Verhaltensmuster aus unserem Alltag erkennen und lernen, mit diesen Mustern umzugehen und sie ggf. langsam zu verändern. Vielleicht sind wir perfektionistisch und nie zufrieden? Oder vermeiden wir gerne Situationen in denen es anstrengend wird? Neigen wir dazu, oberflächlich und unbeweglich im Geist zu sein? Dürften wir mal ein paar Tipps annehmen und kleine Veränderungen vornehmen?  So wird die Yogamatte zum Übungsfeld für den Alltag. Wenn du schon länger Yoga praktizierst, wirst du sicher wissen, was ich meine.

Was heißt das jetzt in Bezug auf Ahimsha?

Werde dir bewusst, wo du was wie bewertest und wie sich das für dich anfühlt. Und bevor du reagierst, atme, schule deine Achtsamkeit. Mache vor dem Impuls, vor der Handlung, eine kleine Pause. Gehe liebevoll mit dir selbst um. Versuche dich auch mit deinen Unzulänglichkeiten und vermeintlichen Schwächen zu akzeptieren. So kannst du auch die Macken anderer besser akzeptieren.

Ahimsha lädt mich ein, erst einmal zu definieren, was es für mich persönlich bedeutet. Das Gegenteil von Ahimsha ist Himsha (Gewalt). Sie hat nämlich Facetten: Gewalt kann sich gegen Gesprächspartner richten, gegen Geschirr oder Türen, gegen sich selbst, gegen die Umwelt, gegen Tiere….

Dann kann ich beginnen, mich zu fragen, wo ich selbst gewaltloser, sanftmütiger, handeln kann. Wo ich achtsamer mit meinen Gedanken und Bewertungen sein kann. Wo ich vielleicht einmal mehr durchatmen darf, bevor ich reagiere. Ob ich vor in meinem geistigen Auge noch einmal meinen vollen Kleiderschrank  oder Kühlschrank durchgehe, bevor ich etwas kaufe, dass unter gewaltvollen Umständen (gegen Tier, Umwelt oder Mensch) produziert wurde. 

Jeder noch so kleine Schritt bedeutet eine positive Veränderung. Sei der lächelnde, sanftmütige Hund im Spiegelsaal, die Welt wird zurücklächeln. 😊

Wir sehen uns auf der Matte! 

Namasté

Aila 

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